Der Geldverleiher und der Filou

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Es begab sich vor langer Zeit in einem kleinen Städtchen im fernen Hollandien. Die Bürger lebten in schmucken Häuschen an Kanälen, die sie Grachten nannten. Seit Generationen in Frieden, glücklich und in angemessenem Wohlstand. Denn die Bürger waren sehr geschickt im Handel mit feinem Tuch, duftenden Gewürzen und bunten Blumen. Dazu trafen sich die Bürger schon zeitig früh am Morgen auf ihrem Marktplatz am mächtigen Rathaus. Jeden Tag. Außer am Tag des Herren. Dort also suchten sie nach dem ersten Krähen des Hahns den Geldverleiher auf. Und liehen sich von ihm reichlich Gulden. Denn ohne Gulden war auch im fernen Hollandien kein Handel möglich. Alsdann trafen sich die Bürger mit den Gulden in der Tasche auf dem Marktplatz. Und tauschten ihre Waren. Meist mit Gewinn. Das war ein gutes Geschäft. Auch für den Geldverleiher, der es damit zu einigem Wohlstand brachte.

So kam eines sonnigen Tages ein Filou des Weges. Ein gar wundersamer Geselle. Der hatte sichtlich kein Auge für die schönen Grachten. Er hatte anderes im Sinn. Und so begab er sich schnurstracks zum Geldverleiher. Denn der war weit über die Grenzen des Städtchens bekannt für seine Nase. Die wurde rot, wenn sie ein gutes Geschäft riechen konnte. Feuerrot wie eine Tulpe.

Und so begann der Filou mit leisem Ton eine gar seltsame Geschichte. Die Geschichte der Zwiebeln in seinem Ranzen. Umhüllt von feinem Leinen. Damit sie keinen Schaden nehmen. Denn es waren keine gewöhnlichen Zwiebeln in seinem Ranzen verwahrt. Nein, es waren Zwiebeln, die einmal zur Tulpe erblüht ihrem Besitzer zu ungeheurem Reichtum verhalfen. Zu betörender Schönheit und ewiger Gesundheit.

Der Geldverleiher vermochte diese wundersame Geschichte nicht zu glauben. Denn seine Nase war auch bekannt für ihre Vorsicht. Besonders gegenüber Filous aus fernen Landen. Aber das wusste der Filou. Und Filous sind gerissene und kühne Gesellen. So begann er die Geschichte weiter zu spinnen. Und erzählte dem Geldverleiher von dem reichen Kaiser im fernen Persien. Jetzt wurde der Geldverleiher hellhörig. Denn sein Vater hatte ihn einst gelehrt, dass die ersten Tulpenzwiebeln vor urdenklichen Zeiten mit einem Schiff aus Persien nach Hollandien kamen. Jetzt fasste er Vertrauen zu dem Filou.

So kam es, dass die Nase des Geldverleihers rot wurde. Feuerrot. Also bot er dem Filou drei Gulden für jede der Zwiebeln in seinem Ranzen. Ein wahrlich großzügiges Angebot zu einer Zeit, als Zwiebeln auf dem Marktplatz mit nur einem Gulden gehandelt wurden. Der Filou jedoch bat zur Enttäuschung des Geldverleihers um Zeit, sein Angebot zu bedenken. Und machte sich von dannen. Wie Filous das bei Geschäften so machen. Also zog der Tag sich für den Geldverleiher in die Länge. Die Nacht brach herein. Aber er konnte keinen Schlaf finden. Wegen der Aussicht auf ungeheuren Reichtum. Dem Kaiser im fernen Persien gleich. Auf betörende Schönheit und ewige Gesundheit. So kam der Filou am nächsten Tag. Gleich nach dem Krähen des Hahns. Mit einem Angebot von 10 Gulden für jede der 30 Zwiebeln in seinem Ranzen. Flugs wandelte sich die Nase des Geldverleihers wieder feuerrot. Und so zog der Filou von dannen. Mit seinem Ranzen voller Gulden. Mehr als er in seinem Leben je gesehen hat.

Am nächsten Tag begab sich der Geldverleiher alsdann selbst auf den Marktplatz und bot die Zwiebeln aus dem fernen Persien feil. Da konnte er sich der Angebote kaum erwehren. So kam es, dass der Preis für jeden der wundersamen Zwiebeln auf 10.000 Gulden stieg. Ein unermesslicher Preis zu jener Zeit. Denn dafür war damals auch ein schmuckes Häuschen an einer der schönen Grachten zu erstehen. So kam der Geldverleiher an einem einzigen Tag zu unvorstellbarem Reichtum. Geradewegs so wie der Filou es versprochen hatte. Einmal mehr also hatte ihn seine feuerrote Nase nicht getäuscht.

So kam der Frühling ins Land. Wie jedes Jahr nach kalter Winterzeit. Und die Bürger hielten Ausschau. Voller Erwartung auf ungeheuren Reichtum, betörende Schönheit und ewige Gesundheit. Dann eines morgens erblühten die Tulpen. Rot. Wunderschön anzusehen. Aber Reichtum konnten sie den Bürgern nicht verschaffen. Im Gegenteil. Der Geldverleiher verlangte ihre schmucken Häuser, die sie ihm als Pfand für den gestundeten Kaufpreis der wundersamen Tulpen versprochen hatten.

So mussten die Bürger von Stund an in bitterer Armut leben. Und wurden darüber schnell alt und gebrechlich. Der Geldverleiher dagegen dachte noch oft frohen Herzens an den Filou. Und vertraute seiner Nase. Fortan mehr denn je.


Übrigens...

Die Geschichte hat sich wirklich zugetragen. In Holland des 17. Jahrhunderts. Ein Beispiel immer wiederkehrender Absurditäten in der Finanzwelt. So wurde am Höhepunkt der Tulpenhysterie für eine Tulpenzwiebel tatsächlich mehr bezahlt als für die teuersten Häuser an den Amsterdamer Grachten. Und allen musste klar sein, dass das nur Illusion sein kann. Trotzdem schien kein Kraut dagegen gewachsen.

Übrigens bis heute nicht. Denn das Phänomen zieht sich mit erschreckender Regelmäßigkeit bis in die Gegenwart. Wie die Finanzkrise 2007 zeigt. Trotz, oder vielleicht sogar wegen all der Experten. Denn es ist von Gier getriebene Täuschung im Spiel.

  Eines der Phänomene, die wir in unseren Geschichten und Betrachtungen ausleuchten.

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